Düsseldorf, 22. November 2021. Unter dem Titel „Demenz – Herausforderungen für die Kommunen“ hat der Landesverband der Alzheimer Gesellschaften NRW am Mittwoch auf seinem Symposium im Düsseldorfer Landtag mit Experten und politisch Verantwortlichen diskutiert, wie Kommunen sicherstellen können, dass Menschen mit Demenz und ihre An- und Zugehörigen in ihren Heimatgemeinden Halt und Entlastung finden.
Prof. Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg definierte die Kommune als sorgende Gemeinschaft, die Strukturen ausbilden müsse, um professionelle Angebote und bürgerschaftliches Engagement zum Nutzen der Betroffenen zusammenzuführen. Der international anerkannte Altersforscher mahnte angesichts der demografischen Entwicklung zur Eile. Schon jetzt sei familiäre Unterstützung häufig nicht mehr in dem Maße möglich, wie sie gebraucht werde. Pflegende Angehörige seien körperlich und seelisch tief erschöpft. Kommunen müssten sich fragen: „Wie können wir den pflegenden Angehörigen Arbeit abnehmen?“
Netzwerke zum Nachmachen
Martin Polenz von der Fachstelle Zukunft Alter der Stadt Arnsberg und Katja von den Benken, Koordinatorin Quartiersarbeit vom Arbeiter-Samariter-Bund Region Düsseldorf e.V. berichteten in je eigenen Vorträgen, wie es in Arnsberg bzw. dem Krefelder Stadtteil Fischeln gelungen sei, die Gemeinschaft incl. Vereine, Kirchen, Leistungsanbieter und Verwaltungen für die Unterstützung und Einbindung von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zu begeistern. Die Netzwerk-Koordinatoren führten eine Vielzahl an vorbildlichen inklusiven und fördernden Angeboten auf, die hauptsächlich durch ehrenamtliches Engagement entstanden sind: von der Freiwilligenagentur über den Zirkus der Generationen, gemeinsame Karnevalsfeiern, Koch-Aktionen und Ausflüge bis hin zum Mehrgenerationen-Wohnen. Beide Netzwerke bzw. ihre Koordinationsstellen sind über längere Zeiträume von Stiftungen finanziert worden, profitieren mittlerweile aber auch von kommunalen Mitteln.
In der von „Doc Esser“ moderierten Podiumsdiskussion nahmen die gesundheitspolitischen Sprecherinnen und Sprecher der Landtagsfraktionen CDU, FDP, SPD und Grüne kontroverse Positionen zu der Frage ein, ob die Ausbildung von kommunalen Netzwerken für die Unterstützung von zuhause lebenden Menschen mit Demenz eine freiwillige Aufgabe der Kommunen mit unsicherer finanzieller Ausstattung bleiben könne oder ob dies nicht im Gegenteil eine auch finanziell hinterlegte Pflichtaufgabe werden müsse. Weitgehend einig war man sich immerhin, dass eine wirksame Unterstützung von Menschen mit Demenz und ihrer Angehörigen Kontinuität brauche.
„Wir brennen für dieses Thema. Unterstützen Sie uns!“
Auf die Aussage auf dem Podium, ohne „Menschen vor Ort, die für die Sache brennen“, gehe es nicht, wandte sich der stellvertretende Vorsitzende von Alzheimer NRW, Prof. Dr. Ralf Ihl, in eindringlichem Ton an die Landtagsfraktionen: „Alzheimer NRW brennt für dieses Thema. Von Ihnen erhoffe ich, dass Sie uns unterstützen. Und zwar in dem Sinne, dass Sie uns in einem Projekt ermöglichen, alle Kommunen zu coachen, eine vernünftige Struktur aufzubauen.“
Ralf Ihl, Chefarzt der Klinik für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie und Leiter des Demenzforschungszentrums am Alexianer-Krankenhaus Krefeld, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass in Krefeld schon seit 2007 ein hoch wirksames Unterstützungs-Netzwerk für Menschen mit Demenz entstanden ist. Dank umfangreicher Kooperationen innerhalb des gesamten Versorgungsnetzes ist es gelungen, dass Menschen mit der Diagnose Demenz und ihre sorgenden Angehörigen in Krefeld ohne große Umwege und nervenaufreibende Recherchen von Anfang an die jeweils passende Unterstützung erhalten. Für Kontinuität sorgt eine unabhängige feste Begleitperson, die in Absprache mit den Betroffenen über den ganzen Verlauf der Erkrankung die jeweils passenden Angebote organisiert, seien es Pflegehilfsmittel, ein ambulanter Pflegedienst, ein Platz in einer Tagesstätte, psychologische Hilfe oder Angebote der Selbsthilfe und Freizeitgestaltung.
Dieser unabhängige begleitende Koordinator ist auch fest mit dem Hausarzt verbunden. Kranken und Angehörigen steht damit das gesamte medizinische und soziale Hilfesystem zur Verfügung. So erhalten sie über den gesamten Krankheitsverlauf konstant alle Informationen und Hilfen, die heutzutage möglich sind.
Eine Begleitforschung zeigte, dass vorher geplante, aber doch unerwünschte Heimaufenthalte über Jahre ohne erhebliche Zusatzkosten vermieden werden können. Das von vielen Gesundheitsministern gelobte Vorbild ist ministeriell allerdings bis heute anderen Kommunen nicht angeboten worden.
Regina Schmidt-Zadel gewürdigt
Das Symposium des Landesverbandes wurde von dem erst kürzlich gewählten neuen Vorsitzenden, Dr. Peter Pick, geleitet. Der promovierte Sozialökonom würdigte seine Vorgängerin Regina Schmidt-Zadel mit warmen Worten als „Kümmererin im besten Sinne“, mit der Fähigkeit, die Menschen zu erreichen, auch solche in hohen Positionen. Mit klarem Kompass, Beharrlichkeit und Charme, immer an der Seite der Betroffenen, habe sie bewirkt, dass der Landesverband heute ein gutes Standing habe und bestens vernetzt sei. Nach 18 Jahren unter ihrem Vorsitz gehe für den Landesverband „eine Ära zu Ende“.
Udo Diehl, Abteilungsleiter im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales, überbrachte dem Landesverband und besonders der neuen Ehrenvorsitzenden Regina Schmidt-Zadel herzliche Grüße von Gesundheitsminister Karl- Josef Laumann, der leider verhindert sei. An die Adresse der rund 140 Symposiums-Teilnehmenden, die die Veranstaltung in Präsenz oder online verfolgten, sagte der Ministerialdirigent im weiteren Verlauf seiner Begrüßungsrede, es sei ein Fehler der verantwortlichen Politik gewesen, in der Pandemie die Altenpflegeheime zu schließen, auch wenn dies damals alternativlos erschienen sei.
Die Landtagsfraktion der CDU war in diesem Jahr Gastgeberin des Symposiums und hatte den Tagenden ihren Fraktionssaal zur Verfügung gestellt.
Alzheimer Gesellschaft Kreis Neuss/Nordrhein e.V. ausgezeichnet
Auch in diesem Jahr verlieh der Landesverband gemeinsam mit der neuraxFoundation gGmbH den Preis für Engagement in der Demenzselbsthilfe. Die Auszeichnung stand in diesem Jahr unter dem Motto: „Pflegende Angehörige zwischen Liebe, Pflichtgefühl und Selbstfürsorge“. Preisträgerin 2021 ist die Alzheimer Gesellschaft Kreis Neuss/Nordrhein e.V. Seit mehr als 28 Jahren engagiert sich der gemeinnützige Verein für Betroffene und ihre Angehörigen, bietet Beratung und Selbsthilfe.
Vereinsvorsitzende Heidemarie Marona und Sozialpädagogin Sandra Menge nahmen den Preis stellvertretend für Vorstand, Team und Mitglieder entgegen.
